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Hier spricht Minna! Sowas von blockiert |
Liebe Residenten, liebe Urlauber,
Die kanarischen Inseln sind berühmt für ihr durchgehend schönes Wetter, eine tierisch gute
Lebensqualität für Leute, die ihr Schäfchen im Trockenen haben und für die vielen Fiestas, auf denen die Canarios das Geld in die Luft pulvern, das sie nicht haben.
Ein Ausländer käme nie auf die Idee, ein Feuerwerk zu machen, solange sein Haushalt auf Raten läuft! Ein Ausländer denkt logisch, wenn er Geld verdienen will. Er denkt in Marktlücken: Was gibt es noch nicht, das eigentlich jeder braucht? Oder er denkt in Bedürfnislücken Marke "Psycho": Wie verkaufe ich jemandem einen SCHÖNEN SCHEIN?
Was sich da die Leute so einfallen lassen, ist phänomenal und wie viele darauf hereinfallen, noch gigantischer. In der Zeitung wimmelt es von Anzeigen wie: "Finden Sie zu sich selbst! Lernen Sie Ihre Aura sehen! Endlich gesund werden! Tragen Sie das energiespendende Wundermetall Krankex am Körper" "Geistige Hilfe durch weltberühmten Hellseher!" "Spielend leicht zum glücklichen Millionär!" "Neue Wege zum inneren Glück durch Betamovologie" "Die heilenden Kräfte meiner Hände!" hundsoweiter, hundsoweiter. Natürlich muß einer, der endlich gesund, reich oder glücklich werden will, immer ein saftiges Honorar hinblättern und wenn er trotz wundersamen Kräften krank, arm und unglücklich bleibt, dann liegt es an ihm selbst. "Sie sind ja sowas von blockiert!" kriegt er zu hören. "Sie müssen sich mehr öffnen!" Und um dies zu lernen und wie man seine inneren Blockaden abbaut, dafür gibt es Seminare und Leute, die weise sind und lehren wie es geht. Natürlich muß man in diesen Seminaren nicht nur sich öffnen, sondern vor allem den Geldbeutel, denn auch weise Lehrer und Guru's können schliesslich nicht nur von Luft leben! Obwohl ... man könnte schon manchmal den Eindruck gewinnen - so schlicht und vergeistigt wandeln sie unter all den Unwissenden, nichts behalten sie für sich, geben jede kosmische Energie unverzüglich an ihre Schäflein weiter, ja, jede materielle Energie steht den Wissenden so fern, dass sie eigens dafür einen Dritten engagieren müssen, der die Sache mit dem Schweizer Konto regelt! Und sie wollen davon auch überhaupt nichts wissen. Manche verdünnen körperlich-materiell so sehr, daß sie sich schließlich komplett verdünnisieren, ein faszinierender Vorgang!
Ich persönlich neige ja auch zum Übersinnlichen. Insbesondere zu kosmoenergetischen Gesängen bei Vollmond, wobei mein hoher Sopran eine solche Faszination auf andere Hunde auszuüben scheint, daß sie einfach mit einstimmen MÜSSEN! Bisher hatte ich ja kein Honorar dafür genommen, aber dann fiel mir die Sache mit den Anzeigen ein und mir fiel auch noch ein, daß in meinen Adern blaues Blut fließt! Jawohl, meine Ahnen waren die berühmten ägyptischen Tempelhunde und weissagten die Zukunft durch das Wedeln ihrer Schweife! (Pendel-Prinzip) Sollte ich mich da etwa nicht als legitime Nachfahrin dieser Wissenden und Weisen betrachten dürfen? Ich erteilte mir die Erlaubnis, legte mir ein Pseudonym zu und gab Anzeigen in "Hund im Bild" auf: "Seherin weiß, wo auch Ihr Glücksknochen begraben liegt! Fragen: Sie Frau Senta von Irrwitz!" Der Erfolg war überwältigend! Man rannte mir die Hütte ein und es gab nicht wenige, die den Boden meines Gärtchens sauber leckten, bevor ich ihn in schlichter Kutte betrat. Jeder Regenbogen, der wegen des schlechten Wetters über meinem Domizil erschien, wurde als meine Aura betrachtet und mein Ruhm wuchs täglich mehr. Schließlich reiste ich von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt und hielt Vorträge vor Hütten, Tonnen und Autowracks, den Stätten der Bedürftigen. Jeder musste mir für meine Ratschläge mindestens einen Knochen geben, das war klar. Ich habe sie alle unter einer geheimen Bank vergraben, auch klar.
Nun kommen aber ein paar dumme Köter und jammern, daß sie immer noch klapperdürr an zu kurzen Ketten hängen! Doch darauf war ich vorbereitet! Da kann ich nur sagen: selber schuld, meine Lieben, Ihr seid ja SOWAS von blockiert!!
Herzlichst Ihre Minna von der Muro de Sol
Teneriffa Journal, No. 75, Sommer 1998, Seite 8 / minna