Depression – das Grau in der Seele

 

"Depressus", das lateinische Wort für "herabgedrückt" kennzeichnet genau die Stimmungslage, in der sich der Betroffene befindet. Er ist in einem Lebensgefühl befangen, das von Bedrücktsein, Hoffnungslosigkeit, Traurigkeit, Ängstlichkeit, aber auch manchmal von Reizbarkeit bis hin zur Aggression geprägt ist.
Dieser Zustand - diese "Übelkeit der Seele", wie es ein Patient einmal treffend formulierte, überfällt die Menschen oft völlig unvorbereitet.
Sie versinken gleichsam wie in einem Loch und fragen sich, was eigentlich los ist mit ihnen - es ist alles in Ordnung, die Kinder sind gesund, die finanziellen Angelegenheiten sind geregelt, der Partner ist freundlich - "mit mir stimmt etwas nicht, ich müßte doch glücklich sein, wieso bin ich es nicht!? Oder werde ich etwa verrückt?" Dies sind meist die Fragen, die sich die Betroffenen selbst stellen und natürlich geht auch die Reaktion der Familie und der Umwelt in diese Richtung. Selbst beim größten Verständnis erfolgt irgendwann ein gewisser Unmut von seiten der anderen und der unglückliche Mensch bekommt folgende Ratschläge und Kommentare zu hören: "Reiß Dich endlich mal am Riemen! Laß Dich nicht immer so hängen, Kopf hoch, das wird schon wieder! Denk mal an Frau Meier, die hat Krebs und du bist sowas von gesund! - Dir geht es einfach zu gut - mach mal die Augen auf und sieh, wie schön die Welt um dich ist!" ..... usw. Es nützt aber alles nichts, kein munteres Ablenkungsmanöver, kein Tadel, kein moralischer Zeigefinger. Mit genau denselben Dingen foltert der Mensch sich nämlich schon selber und auch dieses Rezept funktioniert nicht.
Man schämt sich nur noch mehr seines "Versagens", seiner "grundlosen Schwäche", viele ziehen sich mehr und mehr zurück und es kann ein Teufelskreis beginnen, aus dem es scheinbar kein Entrinnen mehr gibt.
Was als depressiver Verstimmungszustand begonnen hat und oft längere Zeit unter Zuhilfenahme von Alkohol und Beruhigungsmitteln selbst "therapiert" wird, endet leider gar nicht so selten mit Selbst- mord.
Es gibt mehrere Arten (und Hintergründe) von Depression, aber in jedem Fall sollte ein Betroffener sofort mit einem Arzt oder Fachtherapeuten darüber sprechen - und wenn ein Familienmitglied unter wiederkehrenden Verstimmungen leidet, sollte man sich hüten, dies als "hysterische Launenhaftigkeit" zu bezeichnen, denn: NIEMAND ist vor einer Depression sicher!
Wird eine Störung rechtzeitig behandelt, ist die Aussicht auf eine dauerhafte Heilung sehr gut und das trifft auf die Psyche ebenso zu wie auf die Gallenblase oder das "offene Bein"!
Drei Grundtypen von depressiven Erkrankungen sollen hier einmal kurz und einfach beschrieben werden:

1. Die psychogene (neurotische) Depression

Hier handelt es sich um die häufigste Form einer neurotischen (= seelisch in bestimmter Weise gestörten) Entwicklung. Die psychogene Depression ist immer eine Re-Aktion auf etwas, das von außen kam oder kommt. Vielleicht verdeutlicht dies ein - ebenso vereinfachtes - Beispiel:
Ein Kind hat eine weiche, sensible Mutter und einen sehr energischen, fordernden Vater. Der Vater ist der Held des Kindes, aber das Kind muß immer etwas "leisten", um die Aufmerksamkeit oder gar ein Lob seiner Leitfigur zu bekommen. Es bekommt den Eindruck: wenn ich etwas tue, was Vater gefällt, bin ich akzeptiert und werde geliebt.
Diese Haltung "zu funktionieren" wird lebenslang beibehalten! Als Erwachsener ist dieser Mensch äußerst tüchtig, kann die Zähne zusammen- beißen, ist meist bei anderen beliebt, patent - eben immer funktionstüchtig".
So glaubt er, sich die Zuneigung seiner Mitmenschen und Partner zu "verdienen". Und dann kommt etwas, von außen - sei es eine Scheidung oder der Job geht verloren, ein geliebter Mensch stirbt, - in irgendeiner Weise droht ein Verlust. Vor Verlust hat jeder Angst, aber dieser Mensch sagt sich, ER dürfe auf gar keinen Fall Angst haben, denn dann könne er ja nicht in gewohnter Weise funktionieren! (Und er kann sich selbst auch nur dann akzeptieren). Die Angst wird weggedrängt, untergebuttert, - zunächst, - aber sie ist stärker. Man ist der Situation nicht mehr gewachsen, "versagt", ist nicht stark und mutig, sondern klein und hilflos. Das Gefühl des "Versagthabens" in einer Lebenslage, und die Angst vor der Wiederholung der traumatisch erlebten Hilflosigkeit stürzt den Betroffenen in eine tiefe Unsicherheit. Und hier gibt es eine Scheinlösung, in die die Psyche sich flüchtet, und das ist die Traurigkeit.
In der Trauer ist man wie in einem grauen Kokon, gepolstert und grau, es gibt zwar zunächst einen gewissen Schutz, der kann aber zu einem Gefängnis werden. Was hier hilft, ist nur die Auflösung des Rätsels, sodaß es für den Betroffenen erkennbar wird, wieso ausgerechnet ihm DAS passiert ist und ein sanftes Zurecht- rücken der lebenshinderlichen Ansichten. Wenn man erkennt, WAS man Falsches denkt (oder von sich hält) und auch noch weiß, WIESO - ist das schlimmste Tief schon durchschritten.

2. Endogene Depression

Hier ist kein äußerer Anlaß unmittelbar erkennbar, deshalb "endogen" = im Körper selbst entstanden. Erbliche Veranlagung und/oder cerebrale Stoffwechselstörungen verursachen oder fördern die Krankheit.
Achtung: Hierzu gehören u. a. die sogenannten manisch-depressiven Störungen (extrem heiter - extrem deprimiert), die wie die Psychosen unbedingt psychiatrisch behandelt werden müssen!

3. Organische Depression

Hier ist die Depression die Begleiterscheinung einer körperlichen Veränderung (Gehirntumor, Alzheimer, Schilddrüsenerkrankungen, hormonelle Störungen, Drogen- und Alkoholmißbrauch, Parkinson, Epilepsie, usw.) Da hier im Vordergrund die Behandlung der körperlichen Krankheit steht und der Einsatz von Medikamenten und psychiatrischer Behandlung unter ärztlicher Kontrolle unbedingt erforderlich ist, darf auch hier nicht lange gezögert werden, sich selbst oder einem Familien- angehörigen sein Leiden zu offenbaren.

Es gibt noch viele verschiedene Arten von depressiven Verstimmungen oder Depressionen. Sie sind nicht immer leicht zu unterscheiden, manche werden überhaupt nicht als solche erkannt und dazu gehört die sogenannten "larvierte" (= versteckte, maskierte) Depression! Hier ist der Betroffene weder besonders traurig noch ängstlich, er fühlt sich nur dauernd wie "durch den Wolf gedreht", müde und antriebslos. Er schläft, ist aber nicht ausgeruht und sein Leistungsvermögen nimmt ab. Manch einer geht von Arzt zu Arzt und natürlich ist rein organisch nichts festzustellen! ("Natürlich" im Fall, daß ihm tatsächlich körperlich nichts fehlt, wovon wir hier einmal ausgehen). Der "larvierte De- pressive" verzweifelt an sich und der Medizin und eine solche Krankheit endet gar nicht selten in Selbstmord.

Wir möchten mit der Behandlung unseres heutigen Themas nicht nur etwas fachliche Aufklärung an Sie, liebe Leser, herantragen, sondern an dieser Stelle auch gleich mit ein paar Vorurteilen aufräumen, bzw. etwas klarstellen.:
Eine Depression (oder depressive Verstimmung) ist KEINE eingebildete Krankheit, auch keine "Hormon-Zickigkeit". Es kann JEDEN betreffen.
Diejenigen, die besonders gerne davon "befallen" werden, sind KEINESWEGS Weich-Eier und Jammerlieschen, sondern solche, die sich für besonders stark und lebenstüchtig halten und nach außen komplett so erscheinen. (Motto: "Wo ein WILLE, da ein Weg!"...)
Wenn eine Depression vorliegt, wird man nicht "verrückt".
Eine Depression ist keineswegs eine sinnlose Sache oder "eine Boshaftigkeit der Psyche", um dem Menschen sein Leben sauer zu machen.
Wenn es sich nicht um eine - durch andere Krankheit - ausgelöste Depression handelt oder durch die Schwere des Krankheitszustandes bedingt mit schwereren Medikamenten behandelt werden muß - besonders also bei den psychogenen Depressionen, ist es oft der innerliche Hinweis, daß man sich NEU ORIENTIEREN muß!
Der Betroffene hat vielmals noch nicht erkannt (oder will es nicht erkennen, weil es mühsam ist), daß sich in seinem Leben eine Umstrukturierung anbahnt und er sich mit dieser Entwicklung innerlich befassen sollte.
Er "hinkt psychisch" hinter- her und seine bisherigen Lebensansichten passen überhaupt nicht mehr.
Wer mit Verstimmungszuständen zu tun hat, sollte sich dies vielleicht einmal überlegen, es ist ein Gesichtspunkt, der einem manchmal "die Augen öffnet" oder "einen Schleier wegzieht".
Es gibt gute und hilfreiche Behandlungsmethoden in vielen, vielen Fällen. Nicht immer sind "pink pills" (Rosa-Brille-Medikament) oder chemische Beruhigungsmittel notwendig - (u.a. wirkt das gu- te alte Johanniskraut, das neuerdings wieder zu berechtigten Ehren kommt!) Voraussetzung ist aber - wie bei anderen Erkrankungen oder Störungen auch - eine richtige Diagnose!
Wenn Sie Fragen zu diesem Thema haben, sollten Sie sich unbedingt an einen Arzt oder Fachtherapeuten wenden und nicht selbst herumexperimentieren.

Consultorio
Kelchner-Lamberts
El Medano

 

Teneriffa Journal No. 76, Vor-Weihnacht 1998 / -Depressionen-