Ess-Störungen sind Lebensstörungen

 

"Lasst dicke Männer um mich sein!" forderte Cäsar. Wohl wissend, dass Dicke sich langsamer bewegen als Dünne und deshalb als "gemütlich" gelten (was nicht stimmt). Gemeuchelt wurde Cäsar trotzdem. Ob sein Mörder normalgewichtig war, ist nicht überliefert!

Viele von uns unterliegen Vorurteilen, wenn es um den Zusammenhang zwischen der äusseren Erscheinung und dem "wie man demnach ist" geht. Rothaarige sind demnach besonders feurig auf amourösem Gebiet, kleine Männer giftig, Dicke gemütlich, magere Frauen neigen zur Hysterie, blonde Frauen sind dumm, usw..
Eines aber dürfte so ziemlich immer zutreffen: Man ist, wie man isst! Und wenn Sie sich mal bewusst in ihrer Umgebung umsehen, werden Sie bemerken, dass fast alle Ihre Bekannten (vielleicht auch Sie selbst) viel zu dick sind. Bereits Kinder und Jugendliche schleppen überflüssiges Fett mit sich herum, angefutterte Hamburgerpfunde. Die beste Aussicht auf ein krankes Erwachsenenleben. Zuviel oder zuwenig essen ist IMMER ein Zeichen dafür, dass in diesem Leben etwas nicht rund läuft, dass etwas gestört ist, zumindest wenn man sich über einen längeren Zeitraum so verhält.

Abgesehen von körperlichen Ursachen, die hinter Ess-Störungen stecken können (Schilddrüsenüberfunktion/-unterfunktion, Hypophysenvorderlappeninsuffizienz, usw.), und die vor Beginn der Behandlung eindeutig abgeklärt sein müssen, wollen wir uns heute ausschliesslich den seelischen Ursachen widmen. In fast 80% aller Ess-Störungen gibt es tiefgreifende seelische Probleme. Und diese Krankheiten nehmen zu, eine alarmierende Entwicklung! Um wenigstens einen groben Überblick zu geben, greifen wir die am meisten verbreiteten Ess-Störungen bzw. Krankheiten heraus:


Die exogene Fettsucht
(exogen = von aussen bedingt)
Jemand der 25% mehr auf die Waage bringt, als sein normales Körpergewicht wäre, gilt als Fettsüchtig (Normalgewicht ist etwa Körpergrösse minus 100). Er isst und trinkt mehr, als er an Kalorien verbraucht. Es gibt dicke Menschen, die tatsächlich nicht mehr essen als Normalgewichtige, doch ihr Körperhaushalt arbeitet zu langsam und es wird zuwenig "verbrannt".
Aber wohlgemerkt: Dies sind Ausnahmen, nicht die Regel! Die meisten Betroffenen essen - ohne dies selbst zu merken – zuviel, zu reichlich, zu üppig und falsch. Viele wurden schon zu
Fressern erzogen (,,Iss nur viel Bub, damit du gross und stark wirst!"). Das Fastfood tut ein Übriges und dann noch ein Berufsleben ohne körperliche Bewegung. Irgendwann macht man eine oder mehrere nutzlose Diäten und irgendwann resigniert man: "Dick kann auch schön sein", sagt man sich und das stimmt manchmal. Nur: kann dick auch gesund sein??!
Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Gicht u.v.a. geben darauf die Antwort.

Sie gehören zu den exogen Fettsüchtigen oder sind auf dem Wege dahin, wenn
1.) Sie bei den Mahlzeiten einen übergrossen Appetit entwickeln und grosse Essmengen in sich hineinschaufeln (Ihre Eltern verhielten sich auch so).
2.) Sie den ganzen Tag über "irgendwie" Hunger haben, dauernd so nebenbei etwas futtern, u.a. viel Süsses, und dies auch nachts.
3.) Sie essen ohne Appetit und haben kein Sättigungsgefühl, deshalb essen Sie immer zuviel.

Die exogene Fettsucht ist durch äussere Umstände und den Lebensstil geprägt, auch durch den der Familie.


Die endogene Fettsucht
(von innen kommende Fettsucht bzw. Fressucht)
kennzeichnet ein zwanghaftes Essen. Meist gibt es eine auslösende Situation wie Angst, Stress oder depressive Stimmungslage, und für die Kranken gibt es kein Halten mehr. Alles was sich in erreichbarer Nähe befindet wird gegessen. Das Körpergewicht dieser Menschen schwankt oft zwischen hoch und normal, weil zwischen den Fressanfällen ganz normale Essphasen liegen. Immer wenn ein solcher Kranker sich seelisch unwohl fühlt, greift er automatisch zu dem Mittel, das ihm ein wenig (Schein-)Erleichterung bringt: Essen in grossen Mengen. Nahrung tröstet, so wie man es als Baby empfunden hat. Und in der Tat stecken oft seelische Mangelerscheinungen aus dieser frühen Zeit hinter der endogenen Fressucht.

Wenn den Fressanfällen das Erbrechen nachfolgt, so handelt es sich um


Bulimie

Hier sind von allen Betroffenen 90% weiblich und zwischen 20 und 30 Jahre alt. Die jungen Frauen halten ihr Körpergewicht trotz der Fressanfälle, durch das Erbrechen und den Missbrauch von Abführmitteln. Natürlich kommt es dadurch im Laufe der Zeit zu schweren körperlichen Mangelerscheinungen im Mineralstoffhaushalt, wie z.B. Haarausfall, Zahn-verlust, Hautschäden, usw.. Trotzdem können es viele jahrelang geheimhalten. Nicht einmal Familienmitglieder ahnen oft etwas von dem Doppelleben, das durch die exzessiven Fress- und Brechorgien notwendig wird.

Man schätzt, dass etwa um die 5% aller Frauen der genannten Altersgruppe an Bulimie leiden. Doch manche meinen, dass die Dunkelziffer noch weitaus höher liegt. Inzwischen gibt es glücklicherweise mutige Ex-Bulimikerinnen, die über sich berichten und so den vielen anderen betroffenen den Weg aus der Krankheit leichter machen.

Was an Ursachen über die Bulimie in Frage kommt, darüber wird noch viel spekuliert. Natürlich wird uns in den Medien ein Frauenbild suggeriert, das mit der Realität nicht viel zu tun hat, von dem sich aber leider zu viele leiten lassen wie eine Schafherde. Dies allein würde aber noch nicht ausreichen um bulimisch zu werden. Es müssen noch ein paar seelische Strukturen hinzukommen und da ergab sich in der klinischen Forschung folgendes:

Die erkrankten jungen Frauen sind eher auf Leistung und Perfektion getrimmt. Sie neigen dazu, sich nicht "gehenzulassen" und sich eher zu kontrollieren.
Die Mütter dieser Frauen waren sehr oft dominierende Persönlichkeiten, die das Kind zu eng an sich banden und es nicht loslassen konnten. Es herrschte im Elternhaus eher Überfürsorglichkeit und Verwöhnen und die Trennungsphase in der Pubertät wurde zu wenig oder gar nicht vollzogen. Beachtenswert ist auch die Tatsache, dass die Gefühle, die von den Eltern kamen, nicht als konstant und sicher empfunden wurden, sondern eher als schwankend. Daher sind Bulimikerinnen schwer in der Lage, eine partnerschaftliche Beziehung zu halten und ebenso liegen Störungen im sexuellen Empfinden vor. Es wird heute angenommen, dass eine Traumatisierung (Schädigung) auch hier im frühkindlichen Bereich vorliegt, wonach sich das Kleinkind gefühlsmässig wie auf einem ,,Schwankenden Schiff" fühlt, geliebt, nicht geliebt - umhätschelt, dann abgelehnt.
Vieles an der Krankheit deutet auch auf einen Konflikt mit dem Selbstverständnis als Frau hin. Die Patientinnen wissen nicht, ob sie sich der traditionellen Frauenrolle verpflichtet fühlen oder der Emanzipation. Dies könnte einer der Gründe sein, warum die Bulimie in den letzten Jahren so häufig geworden ist.


Die Anorexie
(Magersucht)
Das Wort zeigt schon die Merkmale dieser Erkrankung. Der Körper ist zart bis mager, in fortgeschrittene Fällen bis zum Skelett abgemagert. Es gibt Mädchen die mit 1,7Om noch gerade 30 Kilo wiegen und dies nicht nur ignorieren, sondern sich noch als "fett" bezeichnen. Daran sieht man, dass jedes Verhältnis zur Körperrealität verloren gegangen ist. Der Körper empfindet nach einigem "Üben" den Hunger bald nicht mehr. Die Muskeln verkümmern und werden kraftlos und die Regel bleibt aus. 90% der Kranken sind weiblich. Betroffen sind vor allem Mädchen zwischen 15 und 25 Jahren.
Erste Symptome sind häufig Appetitlosigkeit, ja ein direkter Widerwille gegen das Essen. Macht man die Mädchen auf ihr Verhalten aufmerksam, wird man häufig sperrige Reaktionen erleben und die immer stärker werdende Tendenz, sich zurückzuziehen und zu isolieren. Die Patientinnen sagen, dass sie sich gesund fühlen, selbst wenn sie schon so schwach sind, dass sie künstlich ernährt werden müssen!

Natürlich sind beim extremen Untergewicht sämtliche Organfunktionen gestört und in etwa 10% aller Fälle endet die Anorexie tödlich. Das Krankheitsbild ist manchmal mit bulimischen Elementen vermischt (Abführmittelmissbrauch), das Essen wird also anschliessend sofort wieder erbrochen oder aber das Essen wird gesammelt und weggeworfen. Die Kranken stehlen anderen Familienmitgliedern oder Mitpatientinnen Nahrungsmittel oder Gegenstände, selbst wenn diese für sie selbst völlig wertlos sind. Es entsteht ein Teufelskreis von Schuld und Selbstbestrafung und dies führt zu grossen psychischen Belastungen. Zusammen mit dem "Nicht-Einsehen-können" der eigenen Situation und dem körperlichen Verfall, ist der gesamte Leidensdruck, dem diese Mädchen ausgesetzt sind, unvorstellbar gross. Auch hier ist wieder eine perfektionistische Lebenshaltung zu beobachten. Die Mädchen sind oft übermässig diszipliniert und meist überdurchschnittlich intelligent. Die Beziehung zum Vater ist meist gut bis sehr gut, die zur Mutter eher problematisch.
Da die Krankheit sich in der Pubertät zu zeigen beginnt, wird dies (inzwischen unumstritten) als ein Konflikt mit der eigenen Sexualität verstanden. Die Mädchen können sich als Frau nicht annehmen und ,,verschieben" dieses Problem auf eine andere Ebene, die sie meinen im Griff zu haben. Man könnte grob sagen: oral statt genital.

Beim ersten Auftauchen von Symptomen sollte bereits unbedingt ein klärendes Gespräch mit dem betroffenen Mädchen geführt werden. Es sollte deutlich gemacht werden, dass man BESCHEID WEISS, dass man aber als Eltern deshalb keinen Herzschlag bekommen muss, weil es sich um eine Krankheit handelt und weil jede Krankheit behandelt werden kann. So wird jeder Heimlichtuerei und Dramatisierung gleich die Spitze genommen.
Selbstverständlich muss so bald als möglich mit einer Behandlung begonnen werden. Im Fall der Anorexie wie auch der Bulimie bzw. den Mischformen, wird dies neben der körperlichen Stabilisierung eine psychotherapeutische Behandlung sein, verbunden mit einer symptomorientierten Therapie.

Als sehr hilfreich hat sich auch der zusätzliche Einsatz von Heilhypnose erwiesen (Die ist übrigens bei allen psychosomatischen Krankheiten als verstärkendes Element zur Basistherapie zu empfehlen). Die Fettsucht muss je nach Umfang ebenfalls psychotherapeutisch, neben entsprechenden Diätplänen und Verhaltensumstellung, begleitet werden. Wie immer muss aber alles mit dem behandelnden Fachmann abgesprochen werden.


Consultorio Kelchner-Lamberts
Hotel Playa Sur / El Medano

 

Aus: Teneriffa Journal, No. 72, Nov./Dez. 1997, Seite 8+9 / Esstörung