Tips zum Atlantik für Schwimmer
Nachstehend ein älterer Aufsatz von Heinz Overschmidt, selbst Immobilienbesitzer auf den Kanarischen Inseln und Inhaber von Segelschulen in aller Welt. Dieser sehr interessante Artikel gibt den Bade-Freunden interessante Informationen, von denen wir hier einige komprimiert wiedergeben wollen:
Der Mond ist eine recht kleine Kugel. Sein Durchmesser beträgt nur 3.476 Kilometer und sein Rauminhalt ist gar nur der fünfzigste Teil unserer Erde. Die durchschnittliche Entfernung zwischen der Erde und dem Mond beträgt etwa 384.000 Kilometer.
Aber gerade dieser kleine Mond hat wegen seiner relativen Nähe eine überragende Bedeutung für unseren Heimat-Planeten und besonders auch für das Meer: Denn durch die Anziehungskräfte der Sonne und des Mondes auf die Flüssigkeitsmoleküle der Meere erleben wir das regelmässige Steigen und Sinken des Wasserstandes der Meere, die Gezeiten-Ströme - wobei die Kräfte des Mondes wegen seiner Nähe zur Erde überwiegen.
Diesen Gezeitenerzeugenden Kräften folgt das Wasser in vertikaler und horizontaler Richtung im Laufe eines Mond-Tages der 24 Stunden und 50 Minuten beträgt. Dadurch entstehen im europäischen Bereich zwei Hoch- bzw. zwei Niedrigwasser, zwischen denen im mittel 6 1/4 Stunden liegen (gilt auch für die Kanarischen Inseln).
Unter Hochwasser versteht man den Zeitpunkt, in dem das Wasser am höchsten steht, also den Übergang vom steigenden zum fallenden Wasser. Unter Niedrigwasser versteht man den Zeitpunkt des niedrigsten Wasserstandes, also den Übergang vom fallenden zum steigenden Wasser.
Die Begriffe Niedrigwasser und Hochwasser dürfen keinesfalls mit Flut oder Ebbe verwechselt werden. Denn hier handelt es sich nicht um Zeitpunkte, sondern um Zeiträume: Flut ist das Steigen des Wassers von einem Niedrigwasser zum folgenden Hochwasser. Ebbe dagegen ist das Fallen des Wassers von einem Hochwasser bis zum folgenden Niedrigwasser.
Und nun die wichtigsten Informationen für Schwimmer:
Die Gezeiten unterliegen noch einem anderen Rythmus als dem von Ebbe und Flut. Die Höhen der einzelnen Hoch- und Niedrigwasser erreichen nicht ständig den gleichen Wert, sondern ändern sich von Tag zu Tag in Abhängigkeit von der jeweiligen Mond-Phase. Haben wir Vollmond oder Neumond, so steigt das Hochwasser höher und sinkt das Niedrigwasser tiefer als normalerweise.
Man spricht dann von Springzeiten. Zur Springzeit hat man überdurchschnittlich hohes Hochwasser und ein unterdurchschnittliches Niedrigwasser. Bei zunehmendem oder abnehmendem Halbmond dagegen ist es umgekehrt. Das Hochwasser sinkt nicht so tief ab wie normalerweise. Man spricht dann von Nipp-Zeit. Die Nipp-Zeit wird also charakterisiert durch ein relativ niedriges Hochwasser und ein relativ hohes Niedrigwasser.
Den Übergangszeitraum zwischen Spring- und Nipp-Zeit nennt man Mittzeit, hier herrschen ausgeglichene Wasserverhältnisse.
Bei den vertikalen und horizontalen Bewegungen der gezeitenerzeugenden Kräfte führt das Wasser eine Schwingung durch, die nach Tiefe der Meere (Wassertiefe Kanarische Inseln im Mittel 2.500 Meter), der Trägheit der Flüssigkeitsmassen, der Existenz von Land u.a. verschiedene Phasen-Verschiebungen erfährt. Noch komplizierter wird das Bild durch Reflektionen mehrerer Inseln im Atlantik, wie z. B. im Bereich der Kanaren. Es entsteht in den Buchten ein gefährlicher Stau.
An der ganzen Nordküste Teneriffas vom Anaga-Gebirge über Bajamar, der Bollullo-Bucht, Puerto de la Cruz, Socorro-Bucht, San Marcos bis Punta de Teno ist dieser Stau zu beobachten. Die Bewegungen sind nicht mehr vorauszuberechnen.
Hinzu kommt , dass die gesamte Nordküste Teneriffas Lee-Küste ist. (Lee ist die dem Wind zugewandte Seite), denn der Wind kommt zu 80 % der Wintermonate aus Nord-Ost.
Aus dem Vorgesagten leitet Heinz Overschmidt folgende Tips ab:
1. Gehen Sie nie allein in eine Ihnen unbekannt Bucht schwimmen.
2. Bei Voll- und Neumond meiden Sie den Atlantik! Selbst für gute Schwimmer höchste Gefahr!
Dadurch, dass die Erde, Mond und Sonne in einer geraden Linie stehen, wirken die gezeitenbildenden Kräfte des Mondes und der Sonne zusammen. Es herrscht Springzeit mit Springhochwasser, Springniedrigwasser und der grösste Tidenhub, der Springtidenhub. Er beträgt an Teneriffas Küsten bis zu 2.80 Meter. Der beste Schwimmer wird nur unter Einsatz seiner ganzen Kräfte gegen diesen Tidenstrom das rettende Ufer erreichen.
3. In der übrigen Zeit - Nipp- und Mittzeit - bestehen für gute Schwimmer bei Flut keine Gefahr.
4. Bleiben Sie in Ufernähe, also nicht über die 30 Meter-Linie hinausschwimmen. Aus dieser Reichweite ist zu jederzeit ein Rettungsschwimmer in der Lage, Sie bei Verletzungen jeglicher Art sicher ans Land zu bringen.
Aus: Teneriffa Journal, No. 37, September 1993, Seite 12 / - atla