Die "ICH-AG" feiert Hochkonjuntur
Achtung, Achtung, sehen Sie sich vor,
ein neuer Virus breitet sich aus:
Der Egoismus
Die Bereitschaft zu ehrenamtlichem Handeln schwindet immer mehr - mit dramatischen Folgen für die ganze Gesellschaft.
Ein Ehrenamt übernehmen?
Nein Danke! Das war noch nie ein Thema für mich.
Überzeugte "Egoisten" gehen in ihrer Freizeit lieber shoppen. Diese Entwicklung ist sehr problematisch, denn der Egoismus ist inzwischen salonfähig geworden.
Die Selbstentfaltung wird in unserer individualisierten Gesellschaft bereits im jugendlichen Alter zum Mass aller Dinge, Engagement ist nicht mehr gefragt. Künstliche Lebenswelten faszinieren immer mehr; das Bewusstsein für die Gemeinschaft nimmt immer mehr ab.
Dagegen wachsen die materialistischen Einstellungen und das Profitdenken. Konsumorientierte und sportliche Ferien-Freizeitangebote mit dem Modewort "Fun" verdrängen traditionelle Angebote.
Spass- und Lustfaktor spielen eine viel grössere Rolle als früher, und Verantwortung will doch heute niemand mehr übernehmen. "Engagement", "Sich Einbringen", für "andere Da-sein", ist nicht mehr im Trend. Kennen Sie das Wort "Selbstlosigkeit" noch?
Viele Menschen gehen den einfachen Weg und machen nur noch, was ihnen passt, dies belegen wir mit dem Begriff "Selbstfindungstrip" und die Umgebung klatscht bewundernd Beifall. Es ist "In" im Internet zu surfen, es ist "In" im Fitnesstudio die Muskeln zu stählen, es ist "In" Golf zu spielen, alles Dinge, die vom Egoismus geprägt sind und der Gemeinschaft nicht förderlich sind.
Was ist nun Egoismus?
Die Jagd nach eigenen Vorteilen unter dem Motto: Alle Macht dem Starken? In der Strassenbahn wird gerempelt, im Nichtraucherabteil geraucht, an der Supermarktkasse wird gedrängelt, auf der Strasse wird gerast, um die Vorfahrt gestritten und in rücksichtsloser Weise um den Parkplatz gekämpft.
Wir haben uns in den vergangenen Jahren immer mehr zu einer Leistungsgesellschaft entwickelt. Schädlich ist dies an und für sich nicht, nur der damit verbundene Konkurrenzdruck hat sich enorm verschärft und färbt auf den Einzelnen ab. Wir sehen ihn und seine Auswirkungen ganz besonders in der Zusammenlegung der Grosskonzerne; dies spiegelt sich im Mobbing auf den Arbeitsplätzen wieder, ja dies schlägt auf unsere ganze Gesellschaft durch. Werte wie Mitgefühl und Solidarität bleiben auf der Strecke; es muss eigens eine Aktion "Mitmenschlichkeit", "Solidarität" gestartet werden - wie derzeit in Deutschland.
Die Selbstverwirklichung hat sich zu einem "Ich-Kult" entwickelt, der von den in Massen aus der Erde spriessenden Psycho-Angeboten (Seminare, Einzelgespräche u. dgl..) unglaublich gefördert und ins Recht gesetzt wird.
Die deutsche Philosophin Uta Hess analysiert in ihrem Buch "Die Ich-Gesellschaft - Vom Umgang mit Egozentrikern", der "Tanz um den eigenen Bauchnabel" kenne keine Grenzen mehr.
Es ist so, wie wir es ihnen sagen, Egoisten sind zahlreicher, als wir es vermutet haben!
Vor allem Jüngere, Singles und Gutverdienende befinden sich darunter; sie interessieren sich kaum fürs politische Geschehen, üben fast nie eine ehrenamtliche Tätigkeit aus und sie stimmen überdurchschnittlich oft der Aussage zu: "Man muß gemein sein, man muß ein Schwein sein in dieser Welt". Sie lieben es gute Laune zu haben und diese gute Laune möchten sie sich durch Dinge, die "Nichts bringen" nicht verderben lassen; diese Generation trinkt lieber einen Capuccino, kümmert sich ums eigene Wohlergehen und den Kurs ihrer Aktien, als um die Mitmenschen.
Dies ist das Resultat unserer heutigen Zeit, "Lebensqualität" ist das Zauberwort - aber bieten sollen sie die anderen. Den Beweis finden wir z.B. in der Tatsache, dass in den Dienstleistungsberufen immer offene Stellen zu finden sind und eine große Nachwuchssorge herrscht.
Beim Schreiben dieser Zeilen drängt sich uns die Vorstellung auf, welche Auswirkungen hätte es, wenn alle die Menschen, die diesen Virus noch nicht haben, also alle ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer die beliebte Art "Wir streiken" durchführen würden:
Der Essendienst für die Senioren würde nicht mehr funktionieren, die Fahrdienste für Behinderte, die "Grünen Damen" in den Krankenhäusern, die Vereinsvorsitzenden und Mitwirkenden vieler Vereine, die Freiwillige Feuerwehr usw. böten keine Dienst mehr.
Die freiwilligen Helfer stellen der Gesellschaft vieles zur Verfügung: Zeit, soziale Kompetenz, Fachwissen, Motivation, Soziale Netze und nicht zuletzt eine riesige Summe Geld.
Der Autor des Buches "Generation Golf" Illies schreibt: "Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht"; der Schriftsteller Friedrich Dürenmatt aber sagt: "Was alle angeht, können nur alle lösen!"
Guyamina