Die frischen Teneriffa-Weine
kommen auf den Markt !!!

Von den Anfängen bis zum Ausschank des neuen Weines

Viel hat er mitmachen müssen, der kanarische Wein, und nicht immer ist es ihm gut ergangen.

Die Guanchen, die Ureinwohner der Kanaren kannten keinen Wein.
Aber bereits etwa ab dem Jahre 1453 wurde die ursprünglich aus Kreta stammende edle Malvasier-Traube zunächst auf den anderen Kanarischen Inseln und nach der endgültigen Eroberung der Insel durch die Spanier im Jahre 1496 auch auf Teneriffa heimisch.
Für den kanarischen Archipel als Ankerplatz für die Schiffe, die zwischen Europa, Afrika und Amerika fuhren, war dann der Weinhandel jahrhundertelang die wichtigste Einkommensquelle.

Doch dann zog das Unheil auf. Unheil zunächst von politischer Natur: ab dem Jahre 1651 bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bewirkten protektionistische Massnahmen der damalig vorherrschenden englischen See-Macht den Zusammenbruch des Exports der kanarischen Weine nach Amerika und Europa. Als dann auch noch England und Portugal gegenseitige Exclusiv-Verträge abschlossen, war es das engültige Aus für den Malvasier-Wein, denn in England wurde nun der rote Wein der portugiesischen Insel Madeira verkauft.

Um Ihr Überleben zu sichern, mischten die listigen Kanaren die weissen Malvasier-Weine mit ganz bestimmten Rotweinen, so dass sie einen Wein erhielten, der dem Madeira-Wein genau glich, und den die Kanaren dann eben als Madeira-Wein in England und Nordamerika einführten.

Die Unabhängigkeit der USA und die Aufhebung der englischen Handels-Restriktionen brachten den kanarischen Weinbauern dann wieder einen kräftigen Aufschwung.
Doch die Zunahme des Weinanbaus in Europa und hohe Zölle selbst zwischen dem spanischen Festland und den Kanaren brachten zu Beginn des 19. Jahrhunderts erneut grosse Probleme.
Die grössten Katastrophen brachten jedoch erst die Jahre 1859 mit dem Faulschimmel und 1878 mit dem Rebenmehltau: die Weinproduktion der Kanaren brach fast völlig zusammen.
Endlich - und unerwartet - gewannen die kanarischen Weine auf einer Ausstellung in Madrid im Jahre 1877 und auf der Weltausstellung in Paris im Jahre 1898 mehrere Preise und Medaillen - was die Nachfrage in die Höhe schnellen liess.

Zu dem für die kanarischen Weinbauern so erfreulichen Ergebnis der Weltausstellung von Paris schrieb der Schriftsteller Patricio Estevanez damals: "Ihre Organisation war kein richtiger Erfolg, ihr äusserliches Erscheinen war nicht gerade vorzüglich, ihre Abfüllung war ärmlich - aber da waren sie: die letzten Vertreter einer der höchsten Weintraditionen der Welt".

Aber auch das Unglück der anderen verhalf den Kanaren zum Erfolg.
Von der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts vernichtete die Reblaus den grössten Teil der Weinreben in der ganzen Welt. Nur sehr wenige Gebiete, darunter die Kanarischen Inseln, wurden von diesem Schädling nicht heimgesucht. Die Folge: Weinfreunde aus aller Welt tranken kanarischen Wein!

Im 20. Jahrhundert wurde der Weinanbau auf den Kanaren dann ein wenig vergessen. Man hatte kein Interesse an Innovationen, an neuen Marketing-Strategien, das spanische Festland produzierte viel und preiswerten Wein, der Bananen-Anbau war finanziell attraktiver, nach der Mitte des Jahrhunderts schliesslich brachte der Tourismus mehr und mehr Dollar, DM und englische Pfund.

Erst in letzter Zeit erfolgten im Weinanbau und in der Vermarktung die notwendigen Massnahmen: die Bildung effektiver Kooperativen, Marketing-Verbände und nicht zuletzt - und als eindrucksvolles Zeichen des wieder aufstrebenden Weinanbaus - die Schaffung der sehr ansprechend konzipierten Casa del Vino (Haus des Weines) in El Sauzal im Norden Teneriffas, das auf jeden Fall einen Besuch wert ist.
Das Haus liegt an der Autobahnabfahrt El Sauzal auf der dem Meer zugekehrten Seite. In einem fantastisch restaurierten alten kanarischen Haus kann man sich in gelöster Atmosphäre über die Geschichte des kanarischen Weins und über das Angebot der heutigen Weine informieren.
Selbstverständlich gibt es auch jeden Tag den Ausschank von Weinproben. Den neuentdeckten Lieblingswein kann man dort auch gleich kaufen. Denn die Casa del Vino hat das weitaus grösste Sortiment an kanarischen Weinen, nirgendwo findet man mehr. Und die Preise dort sind keineswegs überteuert, sondern liegen im guten Mittel, wenn man die üblichen Ladenpreise zum Vergleich heranzieht.

Um die Förderung der guten Weine Teneriffas und die Einrichtung der Casa del Vino in El Sauzal hat sich übrigens an allererster Stelle die Inselregierung von Teneriffa verdient gemacht, ohne deren politisches und finanzielles Engagement die Teneriffa-Weine nicht das hohe Ansehen geniessen würden, das ihnen heute zuteil wird.

Immer abhängig vom Wetter produzieren die Weinbauern Teneriffas etwa 18 Mio. Liter Wein, allerdings werden andererseits auf der Insel etwa 36 Mio. Liter Wein getrunken.
Da die Teneriffa-Weine in den letzten Jahren auch etliche Preise und Auszeichnungen gewonnen haben, steigt auch der Export stark an, was zur Folge hat, dass der hiesige Wein nicht nur im Preis angezogen hat, sondern auch knapp ist.
Die frischen Weine kommen stets etwa ab Februar in Flaschen auf den Markt. Oft genug kommt es jedoch vor, dass viele Sorten bereits zwischen Herbst und Weihnachten restlos ausverkauft sind.

Lärm und gute Laune begleiten den Erst-Ausschank am 29. November
Zwar hat die Trockenheit dieses Jahres der Weinlese im Vergleich zum Vorjahr im Orotavatal 37 % und im Bereich Icod - Guia de Isora über 50 % Einbusse gebracht, dafür soll die Qualität des 98iger Jahrgangs ausgezeichnet sein.

Sie, liebe Leser, können es selbst probieren. In der "Noche de San Andrés" (Vorabend des Festes des Heiligen Andreas), das ist der Abend des 29. November, stehen an unzähligen Stellen, vornehmlich im Norden Teneriffas, Buden, Verkaufsstände und Verkaufswagen, an denen der Erstausschank der frischen Weine dieses Jahres gefeiert wird, meist recht preiswert und oft verbunden mit dem tradionellen Angebot gegrillter Kastanien oder sonstiger kanarischer Speisen oder Tapas. An diesen Ausschank-Stellen und in den Bars geht es hoch her, verbunden mit der allerbesten Laune, Lachen und Scherzen.

Hier können Sie noch keine Flaschenweine kaufen, sondern der frische Wein kommt in grossen Karaffen oder gar in Fässern und wird direkt von dort in die Gläser eingeschenkt.
Und wenn Sie nach einigen Gläschen Wein plötzlich meinen, Sie vertragen nichts mehr oder Sie leiden an Halluziationen, nur weil Ihnen auf der Strasse ein fahrender Kühlschrank begegenet, oder Sie meinen, angesichts dieses plötzlichen Höllenlärms müssen gleich ein Raumschiff landen, so denken Sie an diesen Artikel und bestellen sich ganz cool das nächste Gläschen.
Denn dieser Lärm und diese "Halluzinationen" sagen Ihnen nur, dass Sie sich höchstwahrscheinlich im Gemeindegebiet von Puerto de la Cruz oder Icod de los Vinos befinden und dass Sie noch alle Ihre Sinne völlig intakt beisammen haben.
Denn an vielen Orten dieser Insel, speziell aber in Puerto de la Cruz und Icod de los Vinos, wird die Noche de San Andrés mit viel Lärm gefeiert. Kinder und Jugendliche ziehen, zu Fuss oder per Fahrrad, an Bändern alles hinter sich her, was Krach macht und was man ziehen kann.
Auch einige Autofahrer schliessen sich dem Usus an, mit verstärktem Effekt versteht sich, durch die höhere Geschwindigkeit !

Der Verfasser dieses Artikels hat tatsächlich in der Noche de San Andrés schon fahrende Kühlschränke, Waschmaschinen und Badewannen gesehen - gezogen von Autos !

Na, dann Prost !!!

Aus Teneriffa Journal No. 76, November 1998