Ein Vogel fällt vom Himmel
Gebannt schauen die Menschen in den Himmel. Was wird geschehen ?
Denn ein kleines Sportflugzeug rast über den Himmel, es scheint zu schwanken, wackelt mit den Flügeln von einer Seite auf die andere. Es verliert dabei an Höhe. Dann - so als habe der Pilot Angst vor einem Absturz - wird die Maschine steil, fast senkrecht nach oben gerissen. Doch der Pilot scheint sich verrechnet zu haben. Denn das Flugzeug geht in Rückenlage, der Pilot hängt also auf dem Kopf.
Das anscheinend Unvermeidbare nimmt seinen Lauf: Die Maschine richtet sich nun mit ihrem Bug steil nach unten, immer schneller werdend. Der Aufprall auf den Boden und die Katastrophe scheinen nicht mehr zu verhindern zu sein !
Doch im letzten Augenblick gewinnt der Pilot wieder die Herrschaft über das Flugzeug, - die Katastrophe ist verhindert - und im sanften Gleitflug setzt die Maschine sicher auf der Landebahn auf.
Was da wie ein gefährliches Unterfangen am Rande des Todes und der Katastrophe aussieht, ist nichts weiter als fliegerisches Können und ein genauestens einstudiertes Flug-Programm, genau gesagt: Es handelt sich um Flug-Akrobatik.
Am Steuer der Maschine sitzt Castor Fantoba, Jahrgang 1966, aus Navarra (Nordspanien) stammend.
Castor Fantoba ist in seinem Element, wenn er über die Flug-Akrobatik spricht:
Die Flug-Akrobatik gibt es eigentlich bereits seit dem Beginn der Luftfahrt, meist diente sie als eine Art Schaufenster der Fortschritte auf dem Luftfahrt-Sektor. Der Beginn der Flug-Akrobatik ist verbunden mit der frühen Militär-Luftfahrt, da diese speziell in früheren Zeiten oft eine direkte Anwendung von Luft-Akrobatik war.
Während in den USA der nächste Schritt nach der militärischen "Flug-Akrobatik" von den Firmen des Flug-Zirkus getan wurde, bei dem meist Militär-Piloten, Veteranen des Zweiten Weltkrieges arbeiteten, wurde die Flug-Akrobatik in Europa von privaten Piloten weitergeführt, die ihr Vermögen in superteure Flugzeuge steckten, um ihren Durst nach Abenteuern zu stillen.
In den letzten Jahrzehnten hat sich die sportliche Flug-Akrobatik ständig verändert. In den 50er Jahren waren die Möglichkeiten durch die Flugzeuge begrenzt, die noch nicht in ausreichender Weise gewisse Manöver aushielten.
In den 60er und 70er Jahren waren die Maschinen wesentlich robuster, aber die Wettbewerbs-Programme waren so hart, dass sie manchen Piloten physisch sprichwörtlich zerbrachen.
Heutzutage sind die Maschinen in der Luft unzerbrechlich und haben optimale Piloten-Kabinen, die die Effekte der Beschleunigung auf den Piloten vermindern. Die Flug-Akrobatik hat sich heute zu der Philosophie der anderen Motor-Sportarten verändert: Sicherheit und spektakuläre Effekte.
Aber auch heute noch finanzieren die meisten Piloten der Flug-Akrobatik in Europa ihr Hobby aus der eigenen Tasche. Aber wenn der Sportler in einem teuren Sport wie diesem nicht mehr nur ein reiner Amateur ist, sondern sich in einen Elite-Sportler verwandelt, der sein Land auch im Ausland repräsentiert, ändert sich die Situation: Das Ziel ist dann nicht mehr allein die eigene Überwindung und das Geniessen des Fluges, sondern dann muss man sich voll bewusst für den Sieg vorbereiten. Und dies erreicht man nur durch unendliche Stunden des Trainings, der Hingabe und superteure Flugstunden.
Deshalb sind die führenden Flug-Akrobaten auf grosszügige Sponsoren angewiesen - so auch Castor.
Bei der Flug-Akrobatik können wir zwei grundsätzliche Modalitäten unterscheiden:
Den Wettbewerb und den Schau-Flug.
Der sportliche Wettbewerb ist ein Flug, bei dem der Pilot bestimmte Figuren fliegt, die in Form eines Programms verbunden werden, dies innerhalb eines imaginären Rahmens in der Luft, deren Grenzen dem Piloten bekannt sind.
Der Pilot muss die Manöver seines Programms mit der höchstmöglichen Perfektion absolvieren, und zwar ohne den "Rahmen" zu verlassen und ohne unterhalb der festgelegten Mindesthöhe zu fliegen. Eine Gruppe von Richtern gibt Punkte für jedes Programm, für jede Figur und auch für die Gesamtheit, für die Perfektion, die Harmonie und die Ausführung innerhalb des "Rahmens".
Die Piloten sind unterteilt in fünf Kategorien: Basis-, Sport-, Mittel-Kategorie sowie die fortgeschrittene und die höchste Kategorie.
Um innerhalb der Kategorien aufzusteigen muss der Pilot seine Fähigkeiten beweisen, indem er eine Serie von festgelegten Figuren mit einem hohen Niveau an Perfektion und Sicherheit ausführt, überwacht und beurteilt von Piloten der höchsten Kategorie, ausgewählt vom Königlichen Spanischen Verband (Real Federación Española).
In die höchste Kategorie zu gelangen, erfordert viele Jahre Arbeit, Kraft, physische Selbstkontrolle und eine absolute Beherrschung des Flugzeugs. Aus dieser Kategorie werden die Mitglieder der Nationalen Akrobatik-Mannschaft ausgesucht.
Im Wettbewerb gibt es vier unterschiedliche Programme:
1) Die Qualifikation, die ist gleich für alle Piloten und ein Jahr vorher bekannt. Damit werden die Flug-Richter zu Beginn des Wettbewerbs beurteilt und wenn nötig, zurückgewiesen, genau wie die Piloten, die nicht die Mindest-Anforderungen an Sicherheit und sportlichem Können erfüllen.
2) Die freie Gestaltung. Diese wird von jedem Pilot nach den Regeln der FAI (Internationaler Flug-Verband) selbst konzipiert. Dieses Programm gibt dem Piloten die Möglichkeit, seine Fähigkeiten mit selbst erwählten und tranierten Figuren zu zeigen. Die Kunst hierbei liegt in der Kombination der Figuren und der Perfektion der Ausführung.
3) Die geheime Gestaltung, die aber den Flug-Richtern als festes Programm vorher bekannt ist. Jede Mannschaft wählt Figuren aus, die von ihr sorgfältig im Geheimen und bis zur Perfektion traniert wird. Die Figuren dieses Programms werden einen Tag vor dem Wettbewerb der Internationalen Jury übergeben. Die Mehrheit der geflogenen Figuren besteht aus Tricks mit besonderen Effekten. Der Erfolg dieses Pro- gramms hängt ab von der Erfahrung und dem genauesten Studium, das jeder Pilot vor dem Programm durchführt, um in jedem Moment perfekt seine Position, seine Höhe und Geschwindigkeit zu erreichen. Ein falscher Eintritt in den vorgegebenen Luft-"Rahmen", eine längere Flug-Linie als normal oder eine unangepasste Geschwindigkeit in einem Teil des Fluges können zur Folge haben, das ein perfekt ausgeführtes Programm bei der Punkte-Bewertung schlecht abschneidet.
Im übrigen sind diese drei Programm-Arten unter den spanischen Piloten als Aresti-Programme bekannt, in Erinnerung an einen berühmten spanischen Piloten, der diese Typen definiert hat.
4) Freie Gestaltung über vier Minuten: Dieses Programm ist nur für die Besten reserviert und beeinflusst nicht das End-Resultat des Wettbewerbs. Es ist eine zusätzliche Schau, wobei jeder Pilot sein Programm kreirt. Es dauert viele Jahre bis man es schafft ein freies Vier-Minuten-Programm aufzubauen, das dem Flug des Sportlers angepasst ist. Es muss Rhythmus, Präzision, Kontinuität und innovative Figuren haben, die man im Laufe der Zeit schafft und erneuert. Es gibt keine Regeln, man kann zum Beispiel mit Rauch und Musik fliegen. Eigentlich ist es mehr ein Luft-Ballett. Das ist für die Zuschauer und Kameras das spektakulärste Programm.
Soweit zum Thema Wettbewerb. Dahingegen hat der sportliche Luft-Schauflug weder Regeln noch Grenzen, nur die der Sicherheit des Publikums und des Flugzeugs. Ein guter Schauflug-Pilot macht die Zuschauer atemlos, während er gleichzeitig weite Sicherheits-Grenzen einhält. Die besten Schauflug-Piloten stammen aus den besten internationalen Wettbewerben.
Der Eindruck des akrobatischen Schauflugs auf die Medien und die Zuschauer ist ausserordentlich gross.
In Spanien befindet sich der Sport der Flug-Akrobatik derzeit im Aufwind. Die Beteiligung an den Meisterschaften hat in den letzten Jahren bemerkenswert zugenommen: von 4 Teilnehmern im Jahre 1993 über 19 in 1994 auf 25 in 1997. Und das alles, obwohl es sich um einen Sport handelt, der eine grosse Investition verlangt, sowohl an Zeit als auch an Geld.
Die nächsten Jahre werden für Spanien in Bezug auf die Flug-Akrobatik sehr bedeutsam sein. Dies insbesondere, da die Zweite Weltmeisterschaft der Luft-Spiele (sozusagen die Formel 1 des Luftsports) in Spanien stattfinden wird, und zwar in Jerez de la Frontera in Andalusien. Das letzte bedeutsame Ereignis der Flug-Akrobatik in Spanien waren die Europa-Meisterschaften, die im September 1999 in Cordoba, ebenfalls in Andalusien stattfanden.
Die Resultate für Spanien waren hervorragend: Unter 50 Piloten aus zehn Ländern erreichte ein Spanier die europäische Vize-Meisterschaft im Einzelflug und die spanische Mannschaft einen vierten Platz im Mannschafts-Wettbewerb, wobei die Bronze-Medaille nur ganz knapp verpasst wurde. Zieht man in Betracht, dass drei der vier Mitglieder des spanischen Teams zum ersten Mal an einem Europäischen Wett bewerb teilnahmen, so sind die Erwartungen für die Zukunft sehr gut.
Wie bereits gesagt, wird die Zweite Weltmeisterschaft der Luft-Spiele, angesehen als die Luft-Olympiade, im Jahre 2001 in Spanien stattfinden. Dort werden sich die besten Luft-Sportler der Welt aus über 40 Ländern einfinden. Die spanische Mannschaft wird unter anderen aus Piloten des Nationalen Flug-Akrobatik-Teams bestehen. Dazu wird auch Castor Fantoba gehören.
Im übrigen war Castor bereits bei der Ersten Weltmeisterschaft der Luft-Spiele in 1997 in der Türkei Pilot des Begleit-Flugzeugs des Spanischen Teams.
Castor praktiziert die Flug-Akrobatik seit 1995, wo er auch das erste Mal an der spanischen Meisterschaft teilnahm.
Inzwischen ist er bereits als Lehrer für Flug-Akrobatik qualifiziert.
Castors bisherige Erfolge sind :
1995: 6. Platz bei der Spanischen Meisterschaft in der Sport-Kategorie
1996: Spanischer Vize-Meister in der Sport-Kategorie
1997: Spanischer Meister in der Mittel-Kategorie
1998: 3. Platz in der absoluten Spanischen Meisterschaft und Eintritt in das spanische National-Team der Flug-Akrobatik
1999: Vize-Meister in der absoluten Spanischen Meisterschaft sowie 4. Platz mit der Mannschaft in der Europa-Meisterschaft
Aus dem Gesagten können wir entnehmen: Wir haben es also hier mit einem der besten Flug-Akrobaten Europas zu tun !
In einem Gespräch zwischen Eddi Joemann, Leiter der Schutzgemeinschaft Teneriffa (Herausgeber des Teneriffa Journal) und Castor Fantoba gehen von Castor wahre Funken der Begeisterung aus was das Thema Flugzeuge angeht. Er beantwortet gern unsere Fragen.
Castor, was fliegst Du und worin besteht Deine tägliche Arbeit ?
Ich arbeite jetzt seit zwei Jahren bei der "Futura", die der grössten irischen Gesellschaft "Air Lingus" gehört. Ich fliege hauptsächlich die Strecken Kanaren-Irland, Kanaren-England, Kanaren-Skandinavien und manchmal auch nach Deutschland, Italien und Frankreich. Die Routen sind immer verschieden. Es handelt sich um Charter-Flüge.
Ich fliege zwischen 12 und 15 Tage im Monat, jeweils Hin- und Rückflug.
Ich fliege jetzt knapp sieben Jahre als Pilot.
Castor, wie wird man Pilot ?
Zuerst macht man sein Abitur, dann geht man zur Flugschule. Nach etwa zwei bis dreieinhalb Jahren theoretischer und praktischer Ausbildung bekommt man den Titel als Pilot für Transportflüge oder kommerzielle Flüge.
Da einem aber keine Fluggesellschaft nur aufgrund des Titels eine grosse Maschine anvertraut, beginnt dann eigentlich erst der wirkliche Kampf. Man fliegt erst einmal jahrelang Fallschirmspringer in den Himmel, zieht Werbefahnen über die Städte oder malt mit Rauch den Namen kommerzieller Produkte in den Himmel. Oder man besprüht aus der Luft Felder mit Schädlings-Bekämpfungsmitteln oder man arbeitet bei der Brand-Bekämpfung aus der Luft mit einem Lösch-Flugzeug.
Castor, ab welchem Alter darf man als verantwortlicher Pilot eine grosse Maschine fliegen und welchen Kontrollen unterliegt man ?
Laut dem spanischen Gesetz muss der Kommandant eines Passagier-Flugzeuges mindestens 25 Jahre alt sein. Die generellen Kontrollen sind eine jährliche medizinische General-Untersuchung, ab dem 40. Lebensjahr alle 6 Monate.
Castor, wie und in welchem Alter bist Du auf die Idee gekommen, Pilot zu werden ?
Ich war damals 18 Jahre alt und Student als Flugzeug-Ingenieur. Flugzeuge hatten mich schon immer fasziniert. Ein Freund hatte sich als Militär-Pilot beworben und ich mit ihm. Ich hatte auch bereits die erforderlichen Prüfungen absolviert und es stand nur noch die Abschlussprüfung aus. Den Termin dafür habe ich leider verschlafen - und so endete meine Karriere als Militär-Pilot bereits bevor sie begonnen hatte.
Daraufhin begann ich dann im Alter von 27 Jahren mit dem Studium in der Flugschule.
Castor, Du bist heute 34 Jahre alt. Wenn Du gesund bleibst wirst Du etwa bis zum 60. Lebensjahr fliegen, das sind also noch etwa 26 Jahre. Wie siehst Du Deine Möglichkeiten, dieses Alter zu erreichen, ohne vorher bei einem Flugzeug-Absturz zu sterben ?
Ich habe nicht die geringsten Bedenken wegen der Fliegerei. Ich mach mir mehr Sorgen um Krankheiten wie Krebs oder Herzinfarkt. Wer sich als Pilot Sorgen um die Sicherheit macht, der sollte den Beruf sein lassen. Die Flugzeuge sind heute so sicher und technisch perfekt und die technische Überprüfung ist derartig ausgefeilt, dass die Wahrscheinlichkeit, bei einem Flugzeug-Absturz zu sterben, äusserst gering ist. Angesichts der immensen Zahl der geflogenen Kilometer und der transportierten Personen auf der Welt ist die Zahl der bei Flugzeug-Abstürzen ums Leben gekommenden Menschen zwar selbstverständlich sehr bedauerlich, aber äusserst gering.
Castor, was ist mit den Beinahe-Zusammenstössen, in der englischen Flugsprache "Near-Misses" genannt ?
Dies war in früheren Jahren eine gefährlichere Sache als heute. Heute haben die modernen Flugzeuge das automatische TCAS-System (Traffic-Collision-Avoidance-System) eingebaut. Wenn sich zwei Flugzeuge auf gleicher Höhe zu nahe kommen, so löst dieses System einen automatischen Alarm aus, wobei es beiden Flugzeugen eine aufeinander abgestimmte Anweisung zur Verhinderung des Zusammenstosses gibt: Dem einen Flugzeug, dass es steigen und dem anderen, dass es sinken soll. Auf diese Weise wird verhindert, dass die Piloten in beiden Flugzeugen sich für das gleiche Ausweichmanöver entscheiden, also beide steigen oder beide sinken, und es dann trotz des Erkennens der Gefahr doch noch zu einem Zusammenstoss kommen könnte. Dies ist durch das TCAS ausgeschlossen.
Castor, wieviel mal im Monat fliegst Du die kleinen Sportmaschinen und was sagt Deine Frau dazu ?
Praktisch eine volle Woche in jedem Monat fliege ich die Sportmaschinen.
Und was meine Frau dazu sagt ? Nun, sie ist die Tochter eines Piloten. Die kennt das also.
Castor, erinnerst Du Dich an spezielle Momente in Deiner Piloten-Laufbahn ?
Eine ganz spezielle Erinnerung habe ich an einen Waldbrand in Valencia. Dort brannte ein langer steiler Hang, der mit sehr breitkronigen Bäumen bewachsen war. Die Löschmannschaften auf der Erde waren wegen des steilen Hangs machtlos und das einfache Löschen gerade von oben herab aus der Luft brachte nichts. Wir mussten mit unseren Flugzeugen unterhalb der Kronen der Bäume schräg den Hang anfliegen, um auf diese Weise das Löschwasser auf das Unterholz plazieren zu können.
Das war zugleich gefährlich und aufregend und ich hatte das Gefühl, der Allgemeinheit, also meinen Mitmenschen, einen wirklich bedeutsamen Dienst zu erweisen.
Eddi Joemann: Castor, ich wünsche Dir bei der Internationalen Meisterschaft in diesem Jahr in Andalusien viel Glück und viel Erfolg.
Castor: Danke, Eddi. Ich werde Dich informiert halten.