Katastrophen sind eine letzte Warnung
Der Sommer 1998 - ein Katastrophensommer: Land unter in China; schwere Überschwemmungen in Südkorea; die heftigsten Regenfälle seit mehr als hundert Jahren in Japan.
Das Oder-Hochwasser des vergangenen Jahres war ein Rinnsal, verglichen mit den Fluten in Asien.
Während das Fernsehen die Apokalypse frei Haus liefert, fühlen sich auch die Deutschen vom Wetter betrogen: Entweder droht Ozonalarm - oder das nächste Tief. Dabei haben die Klimaforscher weltweit den heissesten Juli seit Beginn ihrer Aufzeichnungen registriert. Das Wetter spielt verrückt.
Selbst die Machthaber in Peking können kaum mehr verheimlichen, dass ihnen die Kontrolle über das Riesenreich entgleitet. Das Jangtse-Wasser steht mehr Menschen bis zum Hals, als insgesamt in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien leben. In dem an fruchtbarem Boden armen China ist mehr Ackerland ein Raub des Wassers geworden, als Deutschland insgesamt aufzuweisen hat. Über fünf Millionen Häuser und Hütten sind zerstört. Und täglich wächst die Zahl der Menschen, die das Wasser in den Tod reisst.
Weil das Unheil das chinesische Wirtschaftswachstum bremst, sind auch Fernwirkungen bis nach Europa nicht mehr ausgeschlossen. Werten nämlich die Kommunisten ihre Währung, den Yuan, ab, um wenigstens auf ihren Export- märkten nicht zu verlieren, droht Asiens ohnehin angeschlagener Ökonomie eine neue Abwärtsspirale. Die Konsequenzen wären auch hierzu- lande spürbar. Im globalen Dorf nehmen selbst Naturkatastrophen weltweite Dimensionen an.
Naturkatastrophen ? Zwar mussten die Chinesen schon immer gegen das Jangtse-Hochwasser kämpfen. Doch von der Not getrieben und im Namen des vermeintlichen Fortschritts haben sie Fehler über Fehler begangen. Sie haben ihre Wälder abgeholzt, haben Feuchtgebiete, ja ganze Seen trockengelegt und so dem "Langen Fluss" seinen Lebensraum genommen. Jetzt rächt sich die Natur für die Rücksichtslosigkeit, die keineswegs allein in China an der Tagesordnung ist. Nur verzeiht sie dort noch weniger menschliche Fusstritte als anderswo, zumal das 1,2-Milliarden-Volk allein wegen der schieren Zahl besonders verwundbar ist.
Das werden die Chinesen noch schmerzlicher zu spüren bekommen.
Denn die Klimaforscher verheissen ihnen nichts Gutes: mehr Regen. Für den kommenden Herbst und Winter (1998/1999) kündigen sie ungewöhnlich heftige Niederschläge über Südostasien an. Der Grund dafür ist eine Anomalie in der globalen Wetterküche des Pazifiks. Dort hatte in den vergangenen Monaten bereits die Erwärmung gewaltiger Wassermassen für globales Wetterchaos gesorgt. Mitten in der von den Vereinten Nationen ausgerufenen "De- kade zur Reduzierung von Naturkatastrophen" schlugen des- halb die Elemente besonders gnadenlos zu. El Niño hinterliess eine Spur der Verwüstung: Waldbrände in Indonesien liessen einen halben Kontinent unter einer Smogwolke verschwinden; Regenfluten stürzten Peru und Ecuador ins Chaos; und während Nordostbrasilien von einer grossen Dürre heimgesucht wurde, versank Somalia im Wasser. Experten der Vereinten Nationen machen El Niño dafür verantwortlich, dass zwischen April 1997 und April 1998 Flutkatastrophen in 40 Ländern wüteten und 22 Länder unter extremer Trockenheit litten.
Nun kehren sich die Prozesse im Pazifik um, und mit La Niña, der kalten Schwester von El Niño, naht neues Unheil: Südamerika drohen Dürren, Kanada klirrender Frost und eben Südostasien biblische Fluten. Fast nur das kleine Europa bleibt vom pazifischen Wettergeschehen unbehelligt.
Zwar sind die Klima-Anomalien nichts Neues. Es wäre deshalb gewagt, bereits menschlichen Frevel für die Wetterkapriolen verantwortlich zu machen. Gleichwohl sind sie deutliche Warnung, denn die Menschen machen sich am Klima zu schaffen. Pumpen sie die Erdatmosphäre weiter mit Treibhausgasen aus der Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas voll, könnte die Apokalypse schnell zum Dauerzustand werden. Es hiesse dann: Vor uns die Sintflut. Das ist die Lehre dieses Katastrophensommers.
Auch die Mächtigen der Erde wissen das. Als sich die Umweltminister der acht grossen Industrienationen Anfang April auf Leeds Castle versammelten, schrieben sie in ihr Kommuniqué: "Der globale Klimawandel ist die grösste Bedrohung für die nachhaltige Entwicklung, für die öffentliche Gesundheit und für das zukünftige Wohlergehen." Ge- messen an ihren Taten klingt die Erkenntnis indes wie Hohn. Denn der Ausstoss von klima- schädlichem Kohlendioxid aus Industrieschloten, Hauskaminen und Auspuffrohren sinkt nicht etwa; er steigt. Es ist wie auf der Titanic: Während der Eisberg schon in Sichtweite ist, spielt die Kapelle fröhlich auf.
Daran ändert nur wenig, dass sich die Industriestaaten im vergangenen Dezember (1997) in Kioto förmlich dazu durchgerungen haben, ihren Klimafrevel etwas zu begrenzen. Das Abkommen ist so löchrig, dass sich im besten Fall kaum etwas zum Guten wendet. Obwohl sich alle fast sechs Milliarden Menschen den einen Planeten teilen müssen, grassieren nationaler Egoismus und kurzfristiges Vorteilsdenken. Gestritten wird über den Ölnachschub; der Erhalt der Lebensgrundlagen steht auf der politischen Agenda ganz unten. Deshalb kommt in Europa das Projekt der ökologischen Steuerreform nicht voran, deshalb weigern sich die Amerikaner, Benzin wenigstens so teuer wie Milch zu verkaufen.
Viele Umweltschützer sind davon überzeugt, dass sich das schnell ändern würde, sollte einst ein Wirbelsturm New York zerstören. So weit muss es nicht kommen. Als Mahnung zur Umkehr sollte der Katastrophensommer 1998 reichen.
Fritz Vorholt/Die Zeit
aus: Kulturchronik
Teneriffa Journal Nr. 78 März/April 1999 TJ-katastrophen