Das wahre Teneriffa

 Wir haben uns vorgenommen, auf einer Autofahrt um die Insel einen repräsentativen Teil des wirklichen Teneriffa zu erleben.
Unser Ausgangspunkt ist Puerto de la Cruz. Von dort aus nehmen wir die Landstrasse über La Orotava in die Cañadas del Teide.
Bei Aguamansa kommen wir an einer schönen Anlage vorbei, in der Forellen gezüchtet werden. Man kann diese Anlage besuchen und dort auch frische Forellen kaufen.
Direkt an dieser Forellen-Farm beginnt der Wald. Durch diese Wälder fahren wir hoch bis nach El Portillo, wo sich die Strasse gabelt.
Auf dem Weg nach oben gibt es immer wieder eine wunderbare Aussicht auf Puerto de la Cruz und das Orotava-Tal zu geniessen. Mehrere Aussichtspunkte mit Parkmöglichkeiten sind eingerichtet.
An der Strassengabelung von El Portillo fahren wir geradeaus Richtung Guia de Isora.
Der Wald wechselt nun ab mit kargen Felsen und den bizarren Formen der erkalteten Lava.
Wenig später bietet sich ein grobkörniger heller Lavasand für einen ausgedehnten Spaziergang an.
Danach geht es weiter durch wechselnde Formen und Farben der Lava. Wir befinden uns nun mitten im Naturpark der Cañadas del Teide, mit 12 Kilometern Durchmesser der grösste bekannte Vulkankrater der Welt. Er liegt auf über 2.000 Meter Höhe. Aus diesem Riesenkrater ist in der Mitte der Pico del Teide herausgewachsen, der mit 3.717 Metern der höchste Berg Spaniens ist, und an dessen Fuss wir buchstäblich vorbeifahren. Wir könnten mit der Seilbahn bis direkt unterhalb des Teide-Gipfels fahren, jedoch hätten wir dann keine Zeit mehr unsere Reiseroute zu vollenden. Ausserdem sind die Wartezeiten wegen der vollen Touristenbusse meist sehr lang.
Wir fahren also am Teide vorbei bis wir links das Hotel/Restaurant Parador Nacional del Teide sehen, welches kürzlich total renoviert und in einer beige-braunen Farbe gestrichen wurde, die sich perfekt der Umgebung anpasst.
Gegenüber dem Parador führt rechts von der Landstrasse ein gut geteerter Weg zu Los Roques (die Felsen), wo zunächst der "Finger Gottes" auffällt, ein imposantes Bild mit dem majestätischen Teide im Hintergrund.
Von diesem Aussichtspunkt aus bieten sich uns fantastische Ausblicke über ein weites Tal unter uns nach Norden und Westen.
Direkt unterhalb des Mirador (Aussichtspunkt) fällt der Felsen steil ab. Wer ein paar Stufen hochgehen mag, kann aus noch höherer Sicht durch eine Art Fenster zwischen zwei Felsen eine fantastische Aussicht geniessen. Aber man sollte nicht zu weit an den Rand gehen, es ist nur etwas für schwindelfreie Personen, und nach diesem Fenster in den Felsen geht es sehr steil und sehr tief hinab. Wer dort einen Schritt zu weit geht braucht keinen Krankenwagen mehr.
Direkt gegenüber von diesen Aussichtspunkten ragt aus der Hochebene ein einzelner Felsen mit schroffen steilen Wänden kerzengrade in beachtlicher Höhe in den Himmel. Der recht abgeflachte Gipfel dieses Steilfelsens wäre ein geeigneter unzugänglicher Platz für Graf Dracula´s Terror-Schloss, vorausgesetzt natürlich, es gäbe eine - natürlich versteckte - innere Wendeltreppe, besser noch ein Aufzug, denn man kann sich vorstellen, dass es die heutigen Draculas auch schon bequemer lieben.

Wenn wir nun auf der Landstrasse weiterfahren, kommen wir zunächst an einem weiteren fantastischen Naturschauspiel vorbei: Felsen, die aufgrund ihrer mineralischen Zusammensetzung grün aussehen.
Weiter schlängelt sich die Strasse zunächst durch die Lava-Hochebene, links begleitet von den Felsen, die seitlich den Riesen-Krater der Cañadas begrenzen. Wir kommen nun an der Boca del Tauce an eine Strassengabelung, an der wir geradeaus (links haltend) Richtung Vilaflor weiterfahren.
Nun geht es durch den nach und nach wieder dichter werdenden Wald abwärts. Wir fahren soweit auf dieser Landstrasse No. 821 hinab bis wir 14 Kmtr. hinter Vilaflor links abbiegen in die Landstrasse No. 822 Richtung Granadilla/Arico. Dies ist die Carretera General del Sur, die frühere südliche Hauptstrasse und auch einzige Hauptverbindungsstrasse zwischen dem Süden und der im Nordosten gelegenen Hauptstadt Santa Cruz vor dem Autobahnbau in den 70er Jahren.
Wir kommen nun durch eine oft trostlos und sehr arm aussehende Landschaft, die geprägt ist von Steinen, Felsen und noch einmal Steinen in vorherrschend hellen beige-gelben Farbtönen.
Was uns hier auffällt sind die vielen kleinen Höhlen in den Felsen, früher oft als Wohnungen genutzt, heute noch als Abstellräume oder Ställe.
Weiter geht es durch Granadilla (früher die "Hauptstadt" des Südens), Arico, Fasnia, Güimar und Barranco Hondo. Während all dieser Zeit dürfen wir uns nicht dazu verführen lassen, den Berg hinunter auf die Autobahn zu fahren. Wir bleiben immer auf der Landstrasse 821.
Diese Strasse 821 steigt nun über Barranco Hondo, Tabaiba und Radazul steil an. Es geht unablässig aufwärts und wir fahren schliesslich buchstäblich in schwindelerregender Höhe direkt neben einem Steilhang entlang, der viele Hundert Meter hoch ist. Die Sicht ist unglaublich schön und weit. Aber der Fahrer des Autos sollte sich besser auf die Strasse konzentrieren, besonders wenn er nicht schwindelfrei ist.
Kurz hinter Tabaiba fahren wir durch den Ortsteil El Chorrillo. Drei Kilometer weiter, direkt nach dem wir den Barranco Grande (die "Tiefe Schlucht") überquert haben, fahren wir von der Hauptstrasse 822 nach links ab Richtung Sobradillo/Llano del Moro durch eine landschaftlich schöne Gegend bis nach La Esperanza, mit wunderbaren Ausblicken auf Santa Cruz.
In La Esperanza biegen wir nach rechts in die Hauptstrasse 824 ein Richtung La Laguna.
Jedoch bereits nach wenigen Metern verlassen wir die 824 wieder und biegen links ab Richtung Agua Garcia/Tacoronte.Wir fahren bis nach Agua Garcia, wo es übrigens fantastische Feuchtwälder gibt, die jeden Botaniker begeistern werden. Nur ein Beispiel: Hier wachsen Erika und Heidekraut drei bis vier Meter hoch !
Wir hüten uns davor, bergabwärts zu fahren Richtung Meer und Autobahn, sondern halten uns stets geradeaus oder schräglinks oben am Hang.
Nun fahren wir durch Ravelo und die kleinen Dörfer oberhalb von La Matanza und La Victoria hindurch. Auch wenn die Strassen immer schmaler werden lassen wir uns dadurch nicht beirren - wir wissen, sie führen weiter.
In La Victoria verhindert nun der nächste Barranco (Schlucht) endgültig den weiteren Weg oben am Berg. Wir fahren hinunter und biegen links auf die Hauptstrasse 820 ein, bis wir nach Santa Ursula gelangen, wo wir auf die Autobahn Richtung Puerto de la Cruz fahren.
Wenn wir diesen Weg hinter uns haben, haben wir einen grossen Teil des wirklichen Teneriffa gesehen. Das grandiose, das streckenweise trostlose, das arme und das wunderschöne Teneriffa. Und wir haben Dinge gesehen, die nicht einmal jeder zehntausendste Tourist jemals erblicken wird.
Selbstverständlich kann man den Weg, den wir hier mit Puerto de la Cruz (Teneriffa-Nord) als Start-und Endpunkt beschrieben haben, auch an jedem anderen beliebigen Punkt beginnen, vom Süden Teneriffas aus am besten in Granadilla. Aber man sollte sich am besten zehn bis zwölf Stunden Zeit nehmen, um wirklich häufiger anhalten und die Schönheiten bewundern zu können und Zeit zu haben für eine kleine Stärkung in einem der Restaurants an der Strecke.
Und wer seinen Fotoapparat nicht mitnimmt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen . . .
Fotos: Eddi Joemann (3), Bernd van der Linde (1), Carmelo Barone (Titelfoto)

 Teneriffa Journal Nr. 78 März/April 1999 TJ-wahres.tf