Die längste Vulkanhöhle der Welt befindet sich auf Teneriffa
Bei Bauarbeiten mitten in Santa Cruz de Tenerife wurde im November eine Vulkanhöhle in beträchtlicher Grösse und mit mehreren Eingängen gefunden. Die zunächst festgestellte Länge beträgt etwa einen Kilometer. Die Höhle ist zwischen acht und zehn Meter breit und bis zu vier Meter hoch und weist zahlreiche Abzweigungen auf. Dies ist bei weitem nicht die erste entdeckte Höhle in Santa Cruz, und erst recht nicht auf der Insel Teneriffa. Die Gesamtlänge der bekannten und begehbaren Höhlen, einschliesslich der Wassergalerien, soll bei über 200 km liegen.Der neue Höhlenfund in Santa Cruz gibt Anlass, uns wieder einmal mit dem Thema der Höhlen zu beschäftigen, und zwar insbesondere mit der spektakulärsten, genannt "La Cueva del Viento" (die Höhle des Windes) im Gemeindegebiet von Icod de los Vinos im Nordwesten Teneriffas.
Die Cueva del Viento ist eine der bekanntesten, vielleicht sogar die bekannteste Vulkanhöhle der Welt. Mit ihren bislang bekannten und erforschten 17.032 Metern Länge, und vielen zum Teil unzugänglichen und noch nicht erforschten Seitenhöhlen bildet sie ein echtes Labyrinth, das jedem Abenteuer- oder Horrorfilm als Kulisse gerecht werden würde.
Bis heute sind sieben Eingänge be- kannt, von denen zwei direkten Zugang zum Haupthöhlengang haben, die der Cueva de los Piquetes (580 m über Meereshöhe) und der Cueva de las Breveritas (600 m Höhe). Der letztere wird am häufigsten als Einstieg zur Höhle benutzt.
Bevor man das gesamte erstaunliche Ausmass des Höhlen-Labyrinths entdeckte, hielt man die Cueva del Viento und die Cueva del Sobrado für zwei voneinander unabhängige Höhlen, wobei die Letztgenannte mit einer Länge von 3.570 Metern für die Längere gehalten wurde. Der als Cueva de Sobrado bezeichnete Höhlenteil soll in seinem oberen Teil von überwältigender Schönheit sein. Um die Höhle vor Rabauken und Ignoranten zu schützen, wurden beide Eingänge zur Cueva del Sobrado mit Gittern geschlossen.
Wer heute die Schönheit dieser Höhle in natura bewundern will, der muss zunächst durch einen der Eingänge der Cueva del Viento seinen Weg machen, um nach teils beschwerlicher unterirdischer Wanderung in die Cueva del Sobrado zu gelangen. Dass dieses Vorhaben für Unkundige ein lebensgefährliches Unterfangen wäre, versteht sich von selbst, so dass dringend davon abgeraten werden muss, es auf eigene Faust zu versuchen. Leider gibt es bis heute noch keine geführten Höhlenbesichtigungen, aber auch das soll sich in der Zukunft ändern.
Aber zurück zur Beschreibung der Cueva del Viento, die in sich - soweit bekannt - insgesamt Höhenunterschiede von etwa 490 Metern überwindet.
Man sagt, dass die Höhle in ihrem Verlauf eine aussergewöhnliche Komplexität aufweist. So kommt es an vielen Stellen vor, dass von einer Stelle aus mehrere verschiedene Galerien abzweigen, manchmal sogar in die gleiche Richtung, aber auf verschiedenen Ebenen. Die unglaubliche Zahl der verschiedensten Formen sind einer der Merkmale der Cueva del Viento.
Terrassen, Steinbänke und Geraden - ein Produkt der Veränderungen, die das Niveau der laufenden Lava in den bereits zuvor entstandenen Höhlengängen verursachte - sind die Hauptmerkmale der inneren "Dekoration" der Höhlen. Der Zusammenschluss von Terrassen, eines der Phänomene, schafft in vielen Abschnitten Bereiche mit übereinandergesetzten "Stockwerken".
Die Tatsache, dass die Cueva del Viento durch eine Serie von übereinanderherlaufenden Lavaschichten entstanden ist, bei denen die oberen Höhlengänge in mehreren Punkten mit den unteren in Kontakt kamen, wodurch Magmamassen festgehalten wurden, führte zur Bildung von regelrechten Wasserfällen aus Lava, die in manchen Fällen beim Herunterlaufen erkaltet ist, was natürlich ein einzigartiges Naturschauspiel darbietet. So ist es z.B. geschehen, mit dem nur etwa vier Meter hohen "Wasserfall" aus Lava, der die Cueva de las Breveritas mit der Galeria de Los Ingles verbindet oder auch mit dem grossen Abgrund oder Schlund in der Cueva del Sobrado.
In den Höhlen gibt es Zonen, in denen der Erosions-Prozess offensichtlich ist. Charakteristisch für diese Zonen ist die Anhäufung grosser Gesteinsbrocken auf dem Boden, manchmal von erheblicher Grösse, die meistens in grossen Gesteinshöhlen oder -Sälen zusammengeschwemmt worden sind. An manchen Punkten der Höhle erscheinen Lava-Blöcke wie einzementiert in den Boden, sie sind entweder von der Höhlendecke heruntergefallen oder von den Magmamassen mitgerissen, und von späteren Lavaströmen "einbetoniert". An manchen Stellen führt die durch die ungeheure Hitze der Lavaströme undurchlässig gewordene Gesteinsschicht zur Bildung kleiner Seen mit einem Durchmesser von etwa ein bis zwei Metern, in denen sich durchsickerndes Wasser von der Erdoberfläche ansammelt.
Es ist schon beeindruckend, wenn man sich vorstellt, wie und mit welcher unvorstellbaren Gewalt sich diese wunderschönen Höhlen gebildet haben, die heute zu bewundern sind:
Bei Vulkanausbrüchen suchten sich die Lavamassen den einfachsten Weg abwärts durch vorhandene Kanäle. Die Hitze der laufenden Lava führte zu Erosionen in den Kanälen und Höhlengängen und führte zu Änderungen in den Formen der Gänge (z. B. Erweiterungen, Einbrüche und Schaffung neuer Höhlen). Die unterschiedlichen Höhen im Niveau der Lava verursachten in den Abflusskanälen periodische "Hoch- wasser"-Stände aus Lava, speziell an Stellen mit starkem Gefälle.
Häufige periodische Erhöhungen des Niveaus der fliessenden Lava, verbunden mit dem immensen Druck, führten zur Bildung und Erhaltung von "Auspuff-Röhren", die oft auch zur Herstellung weiterer Verbin- dungsröhren zwischen den Haupt-Abflusshöhlen der Lava führten. Durch den gewaltigen Druck und die enorme Hitze wurden mit der Zeit die Höhlen-Dächer immer höher ausgewaschen, und durch senkrechte Schächte zur Aussenwelt entkam flüssige Lava, die wiederum auf der Erdoberfläche erstarrte und mit der Zeit ein enormes Gewicht darstellte und in einigen Fällen dadurch das "Dach" der Höhle zum Einsturz brachte.
Heute weiss man, dass die Cueva del Viento sowohl geomorphologisch als auch botanisch und archäologisch von grosser Bedeutung ist. Deshalb werden derzeit auch Pläne für den Schutz der Höhle ausgearbeitet. Aber auch die touristische Nutzung eines Teilabschnittes ist vorgesehen.
Fotos (incl. Titelfoto):
Sergio Socorro